Wenn man mitten in der Stadt wohnt, ist man nah dran am Geschehen. Manchmal näher als es einem vielleicht lieb ist. Um beide Ecken befinden sich zum Glück mit Grün bepflanzte Ecken, an denen alle Feierbiester ihre Blasen entleeren können, doch so manches Souvenir hinterlassen sie auch in meiner Straße.
Von witzig und niedlich, wie die leeren Flaschen und Essensreste, die sich wie als Teil einer aufwendig konzipierten Kunstinstallation auf Bürgersteigen, Fensterbrettern und sogar Autos stapeln, bis hin zu widerlich und festgetrocknet, wie die Flecken von Erbrochenem vor meiner Türschwelle, ist eigentlich alles dabei.
Die Kölner Innenstadt um die Friesenstraße herum samstagsmorgens, zumal nach dem 11.11., könnte die gesamte Ausstellung zur Zeitgenössischen Kunst im Museum Ludwig ersetzen, würde man sie denn auf eine Etage komprimieren. Stilistisch und ästhetisch könnte sie es sicher nicht mit den Werken Murillos und Schers aufnehmen, doch würde das Kunstwerk unser Lebensgefühl repräsentieren wie kein anderes.
Brot (Döner) und Spiele (Partyhüte, Konfetti, Luftschlangen) – anders gesagt: Müll. Von den übernächtigten Angestellten der Lokale links und rechts werden sie schon zusammengekehrt, in der Gehsteigrinne stehen die Reste der letzten Nacht Spalier, scheinen fürs letzte Geleit zu salutieren. Ein stummes Mahnmal, ein Moment zur Erinnerung an alle im Vollrausch verlorenen Gehirnzellen, an klebrige Haut und Kleidung, an Übelkeitsgefühle im Bett. An schlechte Entscheidungen, die man noch ein paar Tage lang spüren wird. An schlechte Entscheidungen, neben denen man gegen die Mittagszeit peinlich berührt aufwachen wird. Auch an gute Entscheidungen, schöne Momente, den Rausch der Masse und gemeinsames Grölen, sich in den Armen liegen und ekstatisches Herzklopfen. An die ersten Sonnenstrahlen und das Bewusstsein, die Nacht zum Tag gemacht zu haben. An den Zustand erleichterter Erschöpfung. An einen Haufen Frust und zurückgehaltene Lebensfreude, die einfach mal rausmussten.
Mir bleibt ein Urinfleck in Erinnerung, der sich taktisch klug zwischen zwei Blumenkübeln befand, also beidseitig gedeckt ist – ein attraktiver Spot, wenn die Blase drückt. Er war so tief in die Pflastersteine eingezogen, dass die Vermutung nahelag, er wurde nachts fast durchgehend genutzt. Es war wie bei der Wohnungssuche: Lage, Lage, Lage!
Der imprägnierte Urinfleck am Brunnen in der Friesenstraße – er würde sich gut machen als Touristenattraktion, als (zu) ehrliches Wahrzeichen des Straßenkarnevals. Das Ordnungsamt würde dort ein paar Sektkorken knallen lassen, zur Erinnerung an den Reibach an Bußgeldern, den sie dem Wildpinkel-Schlaraffenland jedes Jahr zu verdanken haben.
Und ich schlage vor, den Brunnen zum Teil einer neuen Entdeckungstour durch Köln zu machen. Ähnlich der Via Culturalis, die die Stadt zwischen verschiedenen Museen, Kirchen und Ruinen in der Innenstadt gerade etabliert, um den Tourismus anzukurbeln, sollte es auch noch die Via Urinalis geben.
Gerade wer nur fürs Trinkvergnügen aus allen Ecken des Landes nach Köln strömt, dem bleiben vor allem die biologischen Konsequenzen der Sauferei als Erinnerung an den Besuch. Das kann auch bedeuten, dass gar keine Erinnerung bleibt, was meistens trotzdem irgendeine Art von Erfolg für den Glücklichen bedeutet, der es bis zum Filmriss geschafft hat. Warum also nicht einmal hervorheben, welche beeindruckenden Mengen an Flüssigkeit hier verarbeitet werden? Ein Hoch auf den menschlichen Körper!
Die Via Urinalis würde am Wochenende frühmorgens am Dom beginnen, dessen Gestein vom Boden bis Hüfthöhe sicher ein stolzes Zeugnis von vielen Hektolitern an transformiertem Kölsch ablegen kann, das über die Jahrzehnte eins mit dem Gestein geworden ist. Über die kleine Einbuchtung an der St. Andreas-Kirche, deren Klima man getrost als immerfeucht bezeichnen kann, wird sie weiterführen zum Brunnen am Anfang der Friesenstraße. Über die weitere Strecke ließe sich streiten.
Sicher hätten Barbarossaplatz und Zülpicher Straße es verdient, auch aufgeführt zu werden. Doch ab hier ließe sich die Tour unbegrenzt fortführen, wo sollte man es denn dann beenden ohne einen berühmten öffentlichen Abort auszulassen?
Auszuhalten wäre es auf Dauer sowieso nur, wenn man sich auch das erste Bier aufmacht und danach möglichst erst aufhört, wenn’s wirklich nicht mehr anders geht – eine Hommage an das Gefühl von Karnevalsmusik.
Die Teilnehmer der Via Urinalis könnten dann aber mit ihrem Konsum, ihrem Output selbst dazu beitragen, die Sehenswürdigkeiten der Via aufrechtzuerhalten. Ich sehe großes Zukunftspotenzial und würde dieser Art des partizipativen, wertschätzend-traditionellen Tourismus selbstverständlich auch ein fancy Nachhaltigkeitslabel verleihen. Konjunkturprogramm und Denkmalpflege – auf die Art der Pflege kommt es eben an! – wären direkt mitabgedeckt und am Ende dürfte sich jeder eine halb aufgegessene Dönertasche als Souvenir mitnehmen. Ein Geben und Nehmen, für ein saubereres Köln!
Wo war ich stehengeblieben?
Achja, Erschöpfung.
Erschöpfung sah ich schon am frühen Morgen in den Augen vieler Leute, als die ersten mehr oder minder leidenschaftlich verkleideten Gestalten sich zuprosteten und alle einmal tief durchatmeten, bevor sie den ersten Schluck Bier, Sekt oder Pfeffi hinunterkippten. Es war zum Teil schwierig, auseinanderzuhalten, wer ein Kostüm anhatte und unterwegs war, um sich gebührend auf die magische Schnapszahl-Uhrzeit vorzubereiten, und wer genervt auf zur Arbeit unterwegs war. Seltsam gekleidete Frauen um die 50, mit Brille und Kurzhaarschnitt, die zu ihren Jobs in Friseursalons, bei Versicherungen und der Stadtverwaltung eilten sowie hippe junge Männer, die einfach gerne altmodische Anzüge trugen, waren in ihrer (Un-)Kreativität nicht weit entfernt von der Meute an Ganzkörpertieranzügen, Polizisten (nur durch eine Mütze signalisiert), Militärmuster-was-auch-immer-Menschen oder besonders einfallslosen schwarzgekleideten „FBI-Agenten“, deren Verkleidung im Prinzip aus diesem Schriftzug auf einem beliebigen Kleidungsstück bestand.
Zu dieser Uhrzeit hatten sich die meisten Leute nicht aus Spaß an der Freude oder aus Leidenschaft kostümiert, sondern, um den sozialen Anforderungen dieses Tages zu entsprechen. Bloß nicht so wirken, als würde man es des Daydrinkings wegen tun. Nicht zu sehr auffallen, lieber pragmatisch und mit dem absoluten Minimum an Einfallsreichtum für einen akzeptablen und gemütlich-warmen Aufzug sorgen. Mit einer Bauarbeiterverkleidung fiel man in der Meute der ganzen betrunkenen Fauna, die sich über die Plätze und Straßen der Stadt ergoss, seltsamerweise mehr auf als im Leopardenanzug. Dabei bestand die Bauarbeiterverkleidung aus einer Warnweste und wahlweise einem Metermaß oder einem Plastikhelm, wobei letzteres schon von besonderem Engagement zeugte. Oder der Kaffeespezialist, der eine grüne Schürze anhatte und im besten Fall eine Starbucks-Tasse, im schlimmsten Fall einen To-Go-Becher voll Bier in der Hand hielt. Ein paar mitleidige Blicke würde es von denjenigen, die sich Mühe gegeben haben oder es zumindest dachten (die Zoo-Crew!), zwar regnen, doch er würde sicher im Zirkel der Feiernden aufgenommen ohne sich selbst zu sehr zu exponieren.
Zwei Arten von Karnevalisten, nein drei, fielen mir auf.
Zunächst die älteren, für die die Sache zu ernst ist, um sie einfach nur als Spaß zu sehen. Es ist immerhin Karneval, das ist eine Institution! Und irgendwie hat’s was mit Bürgerrechten und Meinungsfreiheit zu tun…
Narrenkappe, Schminke, Uniform mit Rüschenkragen. Jecke Würde, stilvolle Stillosigkeit in Perfektion.
Dann junge Leute, die sich den Freitag freinehmen konnten und/oder studieren, was etwa aufs gleiche rauskommt. Sie rangen schon um die Feierabendzeit um festen Stand und mussten sich darauf konzentrieren, eine einigermaßen gerade Lauflinie einzuhalten. Für sie war die Feier schon gelaufen, sie würden am nächsten Morgen – wo immer sie auch aufwachten – hoffen, dass sie ihren Spaß gehabt haben. Ohne es allerdings je zu erfahren.
Auch ich hoffe, dass sie ihren Spaß hatten. Ich erkenne mich nur zu sehr wieder, wie oft war ich in der gleichen Situation gewesen, hatte die Leere gespürt. Und nicht nur als Post-Übelkeits-Symptom, sondern diesen speziellen Geisteszustand, bei dem man sich nicht wundern würde, rollte einer dieser wehenden Dornbüsche aus Westernfilmen aus meinen Ohren hinaus. Wie ich es genossen hatte, diese Absurdität, der ausgelassene Nonsens dieser Stunden, zu denen nichts galt. Keine Regeln waren in Kraft und alles war erlaubt, auch sich die Lichter dermaßen anzuzünden, dass sie auch bald schon wieder aus waren.
Und schließlich bemerkte ich zur Feierabendzeit, als die ersten Frühaufsteher schon wortwörtlich einknickten, noch die frischen Partygänger, die hektisch nach der Arbeit in ihr Kostüm geschlüpft waren. Etwas zu strammen Schritts, ein bisschen zu verbissen, zu zielstrebig und mit leichten Sorgenfalten über der Stirn, vielleicht schon das Beste verpasst zu haben. Aus ihren Augen strahlte wilde Spannung auf das, was Abend und Nacht dieses Ausnahmetags wohl für sie bereithalten mochten.
Zwölf Stunden später begegneten mir einige von ihnen wieder, immer noch auf der Suche nach dem letzten Kick, der irgendwo auf sie wartete. Vielleicht ja im Club auf der Friesenstraße, wo mich ein Angestellter verdutzt anblickte, als ich ihm, das Scharren von Kehrbesen und das Plätschern von Putzwasser im Hintergrund, einen guten Morgen wünschte. Die Tür des Clubs öffnete sich. Dumpfe Bässe trieben eine Horde heiser singender Tiere aus der Höhle hinaus, die vom Geruch her ganz an einen Zoo erinnerte. Grölend gesellten sich ein FBI-Agent und ein Polizist zu der Gruppe. Gläser fielen auf den Boden, eine Glasflasche zerbrach auf dem frisch gefegten Bürgersteig. Es war noch nicht vorbei.
Der Türsteher seufzte und blickte seine Kollegin mit dem Kehrblech zerknirscht aus seinen blutunterlaufenen Augen an. Fast als wäre es seine Schuld, dass die Leute eben noch nicht genug hatten.
Er hatte wohl nicht verstanden, dass er, seine Kollegin und sein Club Teil einer Dauerausstellung sind.