Das fahle Licht der Sonne, die gerade über den Bergrücken geklettert war, spiegelte sich in der silber glitzernden Oberfläche des Rheins. Noch durch Wolkenschleier gebremst, hatte es dennoch die Kraft, mich aus dem Halbschlaf zu reißen, in den ich mich vor der Morgendämmerung gerettet hatte. Und ich war froh darum, den magischen Blick aufs Rheintal, der sich mir nun eröffnete, nicht zu verpassen. Selbst nach einer sicher dreistelligen Zahl an Fahrten auf dieser Strecke bekam ich von so manchem Ausblick immer noch nicht genug.
Die Reise wäre über die rechtsrheinische Strecke oder gar per Flugzeug wahrscheinlich schneller gegangen. Doch ersteres ließ mein Geldbeutel nicht zu und gegen letzteres stemmte sich mein ökologisches Gewissen. Überhaupt, Flughafenstress, Abfertigung, Boarding, kein Wasser, kein Essen. Und auch wieder der Geldbeutel. Die Prozedur, bis man tatsächlich unterwegs war, dauerte zu lange, vermieste einem den ganzen Tag. Und dann war man auch schon fast dort – ging von einer unbefriedigenden, anonymen Zwischenwelt in die andere über.

Ich genoss lieber die moderate Geschwindigkeit, bei der noch wirklich das Gefühl vom Reisen aufkommen konnte und nicht die eine lärmende Flughafenhalle den Reisenden in die nächste spuckte.

In einer zäpfchenförmigen Kapsel auf engem Raum zusammengedrängt übers Firmament schießen? Die Landschaft winzig klein unter mir betrachten, wie sie zu Schemen reduziert und leblos daliegt? Nein, und meist blickte man ohnehin nur auf eine große Traumwelt aus Zuckerwatte hinab. Und nach dem Einhorn, das dort graste, zu suchen, konnte einmal interessant sein, verlor aber spätestens beim zweiten Mal seinen Reiz. Manchmal war Fliegen pragmatische Notwendigkeit, fast nie aber ein Vergnügen für mich. Lieber war ich an Bord eines fahrenden Wohnzimmers stummer Beobachter, Zeuge des täglichen Lebens. Griff Szenen auf, nahm daran teil und war währenddessen doch schon wieder dabei, ihnen zu entschwinden. Ich malte mir aus, was sich wohl hinter den Kulissen der Stadt, der Felder und Wälder abspielen mochte. Und immer ergriff mich eine leichte Wehmut, gefolgt von gelassener Neugier auf alles, was noch kommen mochte. Denn nichts hielt mich davon ab, mich wieder meinem Proviant, meinen Büchern, meiner Musik oder meinem Notizheft zuzuwenden, sobald ich mich sattgesehen hatte oder die Landschaft mich langweilte. 

Im besten Fall freute man sich über die Annehmlichkeiten seiner Sitzgelegenheit und konnte sich nach Belieben ausbreiten. In weniger günstigen Fällen musste man sich diese mit lärmenden Kindern und/oder schnarchenden Nachbarn teilen. Je nach Dauer konnte allerdings auch diese Erfahrung interessant sein.

Doch, seien wir ehrlich: Überfüllte Züge, Verspätungen, Ausfälle – all das ist nicht angenehm und hat mich auch schon so manchen Nerv gekostet. Und doch kommt der Bahn eine Sonderrolle zu, denn sie steht bereitwillig als Sündenbock gerade für viele systematische Fehler, die auch an anderen Stellen zutage treten. Stehen wir etwa im Stau oder fällt der Flieger aus, verzögert sich das Boarding aufgrund uneinsichtiger Reisender, die Handgepäck für einen ganzen Bautrupp mit sich führen, so ist das eben Kismet – Schicksal, könnte man sagen. 

Im Zug sitzen wir (meist) immerhin gemütlich, müssen selbst nicht tätig werden und könnten uns bei Verspätung über zusätzliche 30 Minuten Schlaf, gemütliches Schmökern oder Unterhaltungen mit unserer Reisebegleitung freuen. Was wir im Stau bereitwillig akzeptieren, weil wir dort immerhin im wörtlichen Sinne am Steuer der Situation sitzen, nehmen wir im Angesicht einer Verspätung der Bahn aber viel persönlicher. Jemand muss an unserer Hilflosigkeit schuld sein, sonst können wir es nicht ertragen, den Geschehnissen so passiv ausgeliefert zu sein. Zwar müssen wir uns dann auch nicht mit ihnen beschäftigen und können uns zurücklehnen, anstatt im Stau akribisch die unmerklich schnellere Spur zu identifizieren, in halsbrecherischen Manövern dort hinüberzuziehen und dem Geschehen dann 5 Meter weiter vorne ausgeliefert zu sein. Aber wenigstens hat man das Gefühl, der Welt ein Schnippchen geschlagen zu haben. Und darf sich noch eine Weile mit Kupplung, Gas und Bremse abmühen, während ich nebenan mit 300 Sachen an diesem Schleichwettbewerb voller gefühlter Gewinner vorbeimüsse. Und nicht einmal etwas davon mitbekomme, weil ich komplett mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt bin, anstatt meine Energie auf die Teilnahme am Verkehr oder Beschwerden über andere Teilnehmenden zu verschwenden.

Natürlich: Zeit, Flexibilität, möglichst ein Job mit Möglichkeit zum Mobilen Arbeiten und Ressourcen für Ticket und Verpflegung braucht es, um so reisen zu können. Und sicher läuft es im Regionalverkehr anders als auf gut bedienten Strecken im Fernverkehr. Kann man seine Reisetermine zudem nicht weit im Voraus planen oder ist auf bestimmte Zeiten angewiesen, wird’s ein teures Vergnügen. Das Fortbewegungsmittel Bahn ist zwar oft die komfortabelste und nach Rad und Schusters Rappen immer die umweltfreundlichste Option, aber leider selten die günstigste. 

Das hat seinen – zugegebenermaßen deprimierenden – betriebswirtschaftlichen Grund: Gewissermaßen muss Bahnfahren zu den Spitzenzeiten so teuer sein wie derzeit, da die Infrastruktur der Bahn die höhere Nachfrage, die mit günstigeren Preisen einhergehen würde, zurzeit gar nicht bedienen könnte. Würden es Stellwerke, Züge, Personal und vor allem Gleise zulassen, könnte man zur Stoßzeit einfach doppelt so viele Plätze wie bisher anbieten und würde dann wohl auch bei niedrigeren Preisen ein wirtschaftliches Ergebnis erzielen. Schaut man sich aber die Pünktlichkeitsquote der Bahn an, so sieht man, dass es viel Nachholbedarf und gravierende strukturelle Probleme gibt. Vereinfacht gesagt kann es sich die Bahn zurzeit überhaupt nicht leisten, auf viel frequentierten Strecken zu den Stoßzeiten mehr Kunden zu haben.

Auf längere Sicht wird man sukzessive mehr Kapazitäten aufbauen können, wenn die Gelder, die bislang in den Neu- und Ausbau von Autobahnen geflossen sind, in Zukunft tatsächlich in mindestens dem gleichen Maß Strukturprogrammen der Bahn zugutekommen. Langfristig wird das für Preissenkungen sorgen. Es ist wie mit den Ladesäulen für die E-Autos ein Henne-Ei-Problem: Seit die Elektromobilität auf einmal der neue Standard werden soll, ist auch die Ladeinfrastruktur plötzlich nicht mehr das Riesenproblem, als das es noch vor einigen Jahren gegolten hatte. Die Ladesäulen ziehen bei vorhandenem Investitionsvolumen einfach mit der Nachfrage mit, so wie die Bahn mit steigenden Kapazitäten ihre Preise senken könnte.

Gleichzeitig müsste das Fliegen eben auch deutlich teurer werden. Durch zusätzliche Besteuerung, aber vor allem durch ein Ende der klimaschädlichen Steuerbefreiungen etwa auf Kerosin. Mir tut es zwar auch leid um all die Interkontinentalflüge, die ich mir dann nicht mehr leisten können werde, aber es kann einfach nicht angehen, dass meine reiselustigen Freunde und ich allein mit unserem Flugverhalten so viele Emissionen verursachen wie die gesamte Bevölkerung eines armen Landes. Und, dass wir dann noch meinen, uns international als moralische Instanz in Umweltdingen aufspielen zu können. Wasser predigen und Sekt Mate trinken oder auf Bali Kokosnüsse ausschlürfen. Können wir gerne weiter so tun, aber dann bitte ohne dieses seltsame Selbstverständnis, als wären wir die Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel und alle sollten sich mal eine Scheibe von unseren selbstgebackenen Dinkelbroten abschneiden.

Denn, wenn alle Welt unseren CO2-Fußabdruck hätte, dann könnten wir den Klimawandel auch gleich abhaken und schnell nochmal nach Spitzbergen jetten, um einen lebenden Eisbären in freier Wildbahn anzutreffen. Während wir uns nämlich mehr oder weniger ernsthaft darum bemühen, das Ruder herumzureißen, lässt sich übrigens an den Investitionen, die weltweit getätigt werden, ablesen was aus der nüchtern-berechnenden Perspektive eines Geschäftsmanns in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen wird:

Island, diese kleine, nur wegen ihrer Geysire und Vulkane bekannte Insel kurz vor dem Nordmeer, wird zum großen Logistik-Hub für den Frachtverkehr der nächsten Jahrzehnte ausgebaut. Investoren kaufen dort ganze Küstenabschnitte mitsamt dem Hinterland auf, um Frachthäfen, Lagerflächen etc. anzulegen. Warum das Ganze?

Weil sie sich nicht mit unseren sentimentalen Illusionen, der Schönrechnerei und grüner Etikettenkosmetik aufhalten. Sie wissen genau, dass aufgrund der steigenden Temperaturen das Polarmeer in ein paar Jahrzehnten ganzjährig eisfrei befahrbar sein wird. Das heißt freie Bahn für Ozeanriesen, Konsum und Welthandel. Wo sich heute Eisbären und Robben tummeln, werden schon bald Megafrachter eine Route zwischen Asien, Europa und Nordamerika vorfinden, die kürzer ist und weniger kostet als die Passage durch Suez- oder Panamakanal.

Auf lange Sicht könnte ich also mit einer CO2-intensiven Verkehrsmittelwahl dazu beitragen, dass Transportwege und Logistik weltweit bequemer und schneller werden. Und nebenbei würde ich noch Island helfen, den Nettowert ihres Landes zu erhöhen. Autofahren und Fliegen im Namen eines erfolgreichen Welthandels. Für den Wohlstand aller, für die Menschheit!

Spaß beiseite, in diesem Fall entscheide ich mich dann als naiver Gutmensch doch für gesunden Egoismus, lehne mich zurück und denke an was Schöneres, während mich das dumpfe Rattern der Schienen wieder in einen leichten Schlummer wiegt.

FelixRudolf Weltgeschehen groß und klein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert