Der Frühherbst war wie ein zweiter Frühling. Grün empfing mich das Waldesrauschen, heimelig stiegen Nebelschwaden aus der dunklen, zittrigen Masse der abendlichen Berge. Wie ein Vorhang aus Wasser entlud der Himmel seine Fracht über dampfenden Schloten und gemütlichen Wohnzimmern, beschützt durch steile Dächerkeile. Leise aber stetig prasselte der Regen auf den First, um dann glucksend seinen Weg nach unten, auf die Wiese, hinab ins Tal, anzutreten.
Ein Glas Wein, ein Tee, ein Likör und ein warmes Bett in vertrauter Luft hießen mich willkommen, hießen mich schlafen und ausruhen.
Am Morgen dann lichteten forsche Sonnenstrahlen den Schleier aus feuchter Luft, der wie eine Glocke über Wald und Tal hing. Angestoßen durch das goldene Rund, drängte der Nebel zum Himmel und zur nahen Ebene hinaus. Vögel zwitscherten und fanden fette Beute im satten Grün, das die Tauperlen langsam von sich abstreift. Meine Stiefel, gestern noch durchnässt und kraftlos in sich zusammengefallen, luden mich, nun trocken und gespannt, zum Morgenspaziergang. Es war noch frisch, versprach ein wunderbarer Tag zu werden.
Die klare, reine Waldluft, die Stille der Dorfidylle und das Rauschen der Blätter im Wind erinnerten mich an das Ensemble, das meine Jahre hier begleitet hatte.
Man grüßt sich auf der Straße wie selbstverständlich, ob man sich nun persönlich kennt oder nicht. Als Teil der Gemeinschaft, als Bewohner dieses Häufleins an Straßen, Brücken und Häusern, hineingewürfelt in ein bewaldetes Tal. Ich suchte nach einer Metapher und dachte an einen aufgeklappten Wrap mit hipper veganer Füllung. Aber wer aß hier schon Wraps und was war nochmal vegan?
Teilen und abgrenzen, so dachte ich mir beim Gang zur Bäckerei, stiften eine Identität. Zugehörigkeit war das wohlklingende Wort, das doch seine Bedeutung nur dadurch erlangt, dass es auch Nicht-Zugehörige gab. Zugezogene nennt man sie hier in der Gegend, ohne es böse zu meinen.
Früher war dieses Dorf – Entschuldigung, diese Kleinstadt – ein Weidegrund. Die waldbefreiten Hänge des Tals dienten Hirten als Äsflächen für Ziegen und Schafe. Die Bewohner von Grevenhausen bewirtschafteten die Weiden und Streuobstwiesen der Südhänge und die Hirten aus der Klostersiedlung St. Lambrecht die Nordhänge. Trennlinie zwischen den beiden Gemeinden war der Bach, über dem heute symbolisch der Marktplatz liegt, auf dem die Bürger alle Festlichkeiten abhalten.
Natürlich lagen sie im Streit über die Nutzung der verschiedenen Weidegründe, wie es Menschen immer und überall tun. Sie mehren sich, sie brauchen mehr, sie wollen mehr. Natürliche Barrieren wie der Wald oder Konkurrenz aus dem Nachbardorf schränkten sie ein. Eine dieser Streitigkeiten führte schließlich zu Tradition der Geißbockversteigerung, doch das zu erklären fehlt mir gerade die folkloristische Laune – ein andermal.
Ich überschritt also den Bach und musste unwillkürlich an den Rubikon denken. Erste Anzeichen von Größenwahn? Wo waren sie, meine Heerscharen, um mich mit Pauken und Trompeten zum Ziel meiner Gelüste zu begleiten – zum Bäcker?
Stark vermessen, meinen morgendlichen Appetit mit dem Machthunger Cäsars im römischen Bürgerkrieg zu vergleichen, aber es war zu spät.
Vor allem, wer schon einmal in Lambrecht über eine der kleinen Brücken gelaufen ist, wird den Kopf schütteln und sich fragen, ob die Würfel wirklich schon gefallen sind oder ob ich doch noch zu retten bin.
An der Lieblingsbäckerei auf meinem ehemaligen Schulweg angekommen, stellte ich mit Schrecken fest, dass sie geschlossen hatte. War ich denn so spät dran?
„Nein“, sagte die Nachbarin, während ich auf dem Bürgersteig ihre grau getigerte Katze kraulte. „An Feiertagen haben die nie offen.“ Die Katze hatte sich inzwischen auf ihren Rücken geworfen, um mir ihren Bauch zum Streicheln entgegenzustrecken. Der Pfälzer Dialekt der Dame entschädigte mich umgehend für die herbe Enttäuschung darüber, dass die Bäckerei geschlossen war. Immer noch in der Hocke, knetete ich mit beiden Händen die Katze durch und verfiel auch ins Pfälzische, als ich die Nachbarin nach der nächsten Bäckerei fragte. Natürlich wusste ich genau, wo in diesem 3000-Seelen Städtchen die nächste und einzige andere Bäckerei zu finden war, aber ich hatte Lust zu quatschen. „Eine weitere Bäckerei gäbe es noch“, sagte die Nachbarin, ging zum Brunnen und füllte ihre Gießkanne aus grünem Plastik. Für einen Augenblick war das Rauschen des Wassers im Zylinder der Kanne das einzige Geräusch, das zu hören war. „Und zwar hier um die Ecke, auf dem Marktplatz“. Ich bedankte mich und wünschte ihr und der Katze einen schönen Tag.
„Im Grevenhausener Teil, ja“ dachte ich mir. Leider machte die andere Bäckerei die deutlich schlechteren Brötchen. Und doch hatte sie viel mehr Kundschaft, dabei war sie nicht einmal preiswerter. Wo lag hier wohl das Henne-Ei-Problem?
Auf dem Weg dorthin kam ich an alten Fabrikgebäuden aus dem 19. Jahrhundert vorbei, die mit ihren großen Fensterflächen und dem robusten Baustil Raum für äußerst attraktive Loftwohnungen in einer deutschen Großstadt bieten würden. Hier aber verfiel ein Großteil der Räumlichkeiten ungenutzt. Zu ihrer Blütezeit brachten die Fabriken, der Wald, das Wasser und die Wolle bescheidenen Wohlstand ins Tal und erlaubten den Bürgern beider Seiten, Hand in Hand fürs Vermögen einiger weniger Unternehmer und Fabrikbesitzer zu schuften. Sie machten es aber auch möglich, eine Familie zu ernähren, Eigentum anzuhäufen und ein geregeltes Einkommen zu erzielen. Das Überleben hing nun nicht mehr vom Ertrag der knappen und kargen Weideflächen ab, die im Prinzip nicht aus Erde, sondern aus jahrtausendealtem, zerriebenem Sandstein mit ein bisschen Sediment obendrauf bestehen.
„Morsche!“ riss mich die Bäckerin aus meinen Gedanken.
„Morsche!“ antwortete ich und erblickte einen Zwiebelkuchen, auch „Zwiwwelkuche“ genannt, in der Auslage.
„Der hier ist mit Speck, oder?“ Verflixt, wo hatte ich denn das Pfälzisch gelassen?
„Doh is Speck drin, jo!”
Verdammtes Vegetarierdasein. Ich ärgerte mich.
Der „Zwiwwelkuche“ fiel also als Überraschung für die Familie raus, warum mussten die auch alle Vegetarier oder sogar Veganer sein?!
Ich bestellte stattdessen ein paar frische Brötchen, Croissants und ein großes Stück Nusszopf. Zurück nach Hause ging’s über den Schulhof. Mein Schulweg verlief zuerst über die eine Talseite, dann nach unserem Umzug über die andere. Wie ich den Grevenhausener Teil da in der Morgensonne herbstlich golden glänzen sah, war ich zum ersten Mal seltsam froh, dass meine Eltern nun auf dieser Seite wohnten. Nicht, weil ich die Leute dort für bessere Menschen halte oder mich abgrenzen will. Nein, die Lage auf der Sonnenseite ließ es zu, selbst Anfang Oktober noch auf der angestrahlten Terrasse den Tisch für ein schönes Familienfrühstück zu decken. Auf den Nordhang verirrten sich zu dieser Jahreszeit höchstens gegen Mittag, wenn die Sonne im Zenit hinter dem Bergrücken emporlugte, ein paar Strahlen ihrer lebensspendenden Kraft. Da war es auf einmal sogar in Ordnung, dass ich den Speyerbach umsonst so triumphal überschritten hatte und nur die zweitbesten Brötchen des Tals mitgebracht hatte.